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Einsamkeit.
Bestimmung und Funktion im hochmittelalterlichen Mönchtum.
mittelalterlicher Orden

Projektleiter: Prof. Dr. Dr. h.c. Gert Melville - Bearbeiter: Markus Handke, M.A.

Einsamkeit ist eine grundlegende Befindlichkeit des menschlichen Daseins. Sie kann sowohl rein äußerlich den Zustand physischer Separation von anderen Mitmenschen als auch das damit einhergehende fühlende Erleben bezeichnen, welches bei jedem Menschen als soziales Wesen (animal sociale) durch eine universelle anthropologische Disposition veranlagt ist. Das sehr spezifische Empfinden von Einsamkeit hängt von Entscheidungen und Erfahrungen ab und verändert sich mit ihnen. Es ist schmerzhaft, wenn jemand ungewollt allein ist. Im Gegensatz dazu kann das beabsichtigte Alleinsein allerdings auch schöpferische Kräfte hervorrufen und sogar erfüllender sein als jegliches Gemeinschaftsleben. Im Mittelalter wurde Einsamkeit im positiven Sinne dezidiert gesucht und durch Klöster sogar institutionalisiert.
Das Forschungsvorhaben will sich zunächst den Bedeutungsfacetten des Begriffs der Einsamkeit (lat. solitudo) vor dem Hintergrund der zeitgenössischen kulturellen Prägung annähern und somit seinen Inhalt von modernen und eher pejorativen Assoziationen lösen. Weiterhin soll danach gefragt werden, welche konkreten theoretischen Ansichten einer asketisch-anachoretischen Lebensform in unterschiedlichen monastischen Gemeinschaften kursierten und als (mentale) Praktiken zur Erlangung eines positiven inneren Einsamkeitserlebnisses bereitstanden. Negative Konnotationen, beispielsweise der Vereinsamung als psychische Belastung oder auch der strafenden Isolation, werden dabei nicht ausgeblendet, sondern ergänzend und zum Zweck der Begründung einer angemessenen Zurückgezogenheit, die es für eine individuelle Präparation für den Kontakt mit Gott einzunehmen galt, thematisiert.
Der Untersuchungszeitraum liegt zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, also in einer Zeit, die im Zuge einer zu konstatierenden Individualisierung und Verinnerlichung auch mit einer Konjunktur der Reflexion über Einsamkeit verknüpft war. Die zeitgenössischen Diskurse bieten jedoch darüber hinaus eine Neuerung des in der Tradition der hellenistischen Philosophie stehenden Begriffs. Nicht mehr die in der Antike noch vordergründige Souveränität des Individuums im Umgang mit dem eigenen Leben stand im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern Einsamkeit wurde nun eine zentrale Technik zur Annäherung an Gott. Neben der äußerlich-räumlichen Distanzierung wurde die innere Einsamkeit als höherwertige Form unterschieden und als seelische Haltung angestrebt. Mehr noch: Sie wurde zum Indikator wahrer Verfügbarkeit für Gott. Diese Veränderung ging einher mit tiefgreifenden Reformbewegungen, die auch eine „Rückkehr in die Wüste“ in europäischen Gefilden entfachte.
Die Dichotomie von Gesellschaftsentsagung und positiver Heilserfüllung war in der gesamten Geschichte des Mönchtums virulent. Besonders im Hochmittelalter wurde der Versuch unternommen, da das eigentlich Unmögliche – Einsamkeit mit und innerhalb einer Gemeinschaft – zu vollbringen. Das Einsamkeitsempfinden war dabei nicht nur ein ständiges Anzeichen des Grades an sozialer Integration und Kommunikation und damit der Existenzsicherung, sondern gerade auch ein Indikator der Gottesnähe bzw. -ferne. Mit dieser Herausforderung und in dem Bestreben der Institutionen um eine „Sozialität der Einsamkeit“ kann ein beachtliches Innovationspotential und eine psychosoziale Kompetenz gesehen werden, die es kultur- und ideengeschichtlich zu begründen gilt.
Da grundlegende Änderungen in der alltäglichen Lebensordnung der Klosterinsassen neue Regulative notwendig machten, um Lebensentwürfe zu begründen und auf Dauer zu stellen, orientiert sich die materiale Auswahl des Projekts an jenen Quelltexten, die im Zuge des historischen Institutionalisierungsprozesses durch Verschriftlichung für Nachhaltigkeit sorgten. Ein erster Bereich umschließt satzungsrechtlich-normative Texte, in denen die Organisation pragmatischer Abläufe und interner Beschlüsse festgehalten wurden (vor allem Regeln, Gewohnheiten, Statuten). Eine positive Einsamkeit konnte aber nicht durch bloße Normsetzung und vernünftiges Kalkül abgeleitet werden, sondern forderte eine Veränderung der inneren Einstellung. Hierfür sind Quellen interessant, die darauf zielten, durch einen anderen Umgang mit sich, seinen Neigungen und Gedanken zur persönlichen Gottessuche Hilfestellung zu geben. Sie umfassen beispielsweise Zeugnisse des paränetischen Schrifttums (Briefe, Traktate u.a.) oder der Exempelliteratur. Darüber hinaus sind biographische Schriften von Wert, da eine Fülle an Vorbildern – z.B. durch Viten der Wüsten- und Gründerväter – im Prozess der Neujustierung von Gesinnung und Verhalten für Orientierung sorgten.
Dieses breit angelegte Untersuchungsmaterial wird, aufbauend auf der Berücksichtigung von Genese und Provenienz, durch abstrakte Ordnungsschemata in einzelne Gesichtspunkte – wie z.B. dem Umgang mit einer durch Einsamkeit einhergehenden Freiheit und Eigenverantwortung – unterteilt und für eine vergleichende Perspektive aufbereitet. Neben dieser heuristisch wertvollen Kategorisierung operiert die Studie mit einer intensiven Hinzunahme angrenzender Fachgebiete (u.a. Sozialwissenschaft und Philosophie), die den Interpretationsraum erweitern.
Das Forschungsprojekt möchte mit der strukturierten Analyse des Leimotivs „Einsamkeit“ innerhalb des europäischen Mönchtums einen ideengeschichtlichen Beitrag zur Frömmigkeitspraxis der vita religiosa im Hohen Mittelalter leisten. Durch den interdisziplinären Zugang zum Thema und der fundamentalen Relevanz für das Christentum überhaupt und auch für andere Kulturen enthält das Projekt bereits erste Anschlussmöglichkeiten über die Fachgrenzen hinaus.

Mitarbeiterkontakt

Prof. Dr. Dr. h.c. Gert Melville:
    Tel: +49 (0) 351 4793 4181
    Email: gert.melville(at)tu-dresden.de

M.A. Markus Handke:
    Tel: +49 (0) 351 4793 4184
    Email: markus.handke(at)tu-dresden.de



Direktor:
Prof. Dr. Dr. h.c. Gert Melville

Wiss. Geschäftsführerin / Koordinatorin: Priv.-Doz. Dr. Cristina Andenna

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