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Zwischen Normativität und Performanz: Hindu Asketentum und christliches Mönchtum in vergleichender Perspektive.

Bearbeiter: Edgar Leitan

Das Mönchtum bzw. das Asketentum im breiteren Sinne ist keineswegs nur auf das christliche Abendland oder die christliche "Oikumene" allgemein beschränkt. Als möglicherweise universelles Phänomen scheint es in seinen diversen Formen eher eine konstant präsente Größe in fast jeder religiösen Tradition der Menschheit zu sein. Die dem Asketentum zugrunde liegende Weltflucht oder Negation des weltlichen Wertsystems haben paradoxerweise dazu geführt, dass eine alternative Welt bzw. eine Vielfalt solcher - manchmal loser, ja fast "anarchistisch" anmutender, gegebenenfalls aber auch hierarchisch hochorganisierter - Lebensentwürfe entstand und im Laufe der geschichtlichen Entwicklung aufblühte, die als Bereich des "Sakralen" in einem nicht nur negierenden, sondern vielmehr ergänzenden, komplementären Verhältnis zur Welt des "Profanen" stand - nicht so sehr als eine auf besondere Weise eschatologisch geprägte Gemeinschaft des "Volkes Gottes" (wie z. B. eine monastische Gemeinde im Christentum), sondern als soteriologische Krönung des Lebens eines Individuums, welches auf seiner Suche nach endgültiger Befreiung (mokṣa) vorgeschriebene Lebensstadien stufenweise durchschreitet, um am Ende zu ihrem Apex zu gelangen.

Ein geflügeltes Wort lautet, dass gerade Indien die Heimat des Eremitentums und der klassische Boden der Askese sei. Wo ist aber die asketische Lebensweise in Indien genau verwurzelt? Was sind ihre religiösen, textlichen und sozialen Ursprünge? Können etwa Stufen ihrer geschichtlichen Entwicklung nachweisbar umrissen und verfolgt werden? Was sind ihre wichtigsten Konzepte und diese Begriffe ausdrückende Termini? Hierzu gibt es einige sich widersprechende Theorien, die es zu berücksichtigen und auszuwerten gilt.

Das Ziel des vorliegenden Projektes besteht in der Untersuchung zunächst des zugänglichen (d. h. des bereits edierten) normativen Schrifttums des früheren brahmanischen Asketentums sowie des späteren hinduistischen Mönchtums verschiedener religiöser - meistens deutlich theistischer - Traditionen (śaiva, vaiṣṇava), welches sich in diversen Werken des altindischen Schrifttums sowohl kompakt inkorporiert als auch lose verstreut findet. Die genannten Werke werden unterschiedlichen Klassen der Vedischen und der späteren Sanskrit-Literatur zugeordnet, und es sind folgende: Werke sowohl der "apersonalen" (apauruṣeya) vedischen Offenbarung (śruti) (insbesondere die für die Erforschung der Ideologie der Asketen wichtigen Saṃnyāsa-Upaniṣads, aber auch andere Werke wenigstens nominell vedischer Überlieferung) als auch das Schrifttum "menschlicher Tradition" (smṛti), wie z. B. Lehrwerke über die sozioreligiöse Norm (dharma) - wie die kürzeren Dharmasūtras und dazu gehörenden ausführlichen Dharmaśāstras -, ferner die Sanskrit-Epen (Mahābhārata und Rāmāyaṇa) und die zahlreichen Purāṇas, die als ein eigenes Genre des hinduistischen religiösen Schrifttums gelten. Zu den wichtigen normativen Quellen des hinduistischen Asketentums sind ebenfalls noch weitere Kategorien von Schriften zu rechnen: mittelalterliche Rechtskompendien (nibandha), in welchen spezielle Sektionen den rechtlich-religiösen Vorschriften für die brahmanischen Asketen gewidmet sind, wie z. B. ein eigener 14. Band "Mokṣakāṇḍa" (Abschnitt über die Erlösung) im bekannten umfangreichen Kompendium "Kṛtyakalpataru" des Gelehrten Lakṣmīdhara. Ferner sind es einzelne Traktate, die ausschließlich das asketische Leben in seiner Vielfalt behandeln, und die sowohl zahlreiche Zitate aus den anderen, zum Teil verlorenen Werken als auch eigenes originelles Material von deren Autoren beinhalten. Davon ist leider nur ein kleines Bruchstück in edierter Form zugänglich: die meisten der mehr als 80 Titel umfassenden Werke liegen nur in der Manuskript-Form vor. Außerdem sind es spätere, teilweise mittelalterliche Kommentare der früheren bedeutsamen Werke der bereits erwähnten Dharmaśāstra-Literatur, wie z. B. die Manusmṛti oder die Yājñavalkyasmṛti. Hagiographien der großen religiösen Reformatoren (wie z. B. mehrere Viten von Śaṅkarācārya, Vallabhācārya, Caitanya etc.), welche auch die noch heute in Indien wichtigen monastischen Gemeinschaften (z. B. die sogenannten Daśanāmī-Saṃnyāsins oder die "Orden" der militanten Asketen) angeblich persönlich gründeten, scheinen in ihrem normativen Aspekt für die Entwicklung und das Selbstverständnis genannter Gemeinschaften sehr wichtig und noch nicht genügend erforscht zu sein.

Als noch kaum erschlossene Quellen - nicht sosehr der im strikten Sinne "Normativität" der asketischen bzw. monastischen Lebensweise, sondern ihrer performativen Umsetzung und gleichzeitig Fremdwahrnehmung - in Frage kämen zahlreiche Werke der Schönen Literatur auf Sanskrit und Prakrit, Schenkungsinschriften an klösterliche Institutionen (maṭha, āśrama), und nicht zuletzt frühe europäische Reiseberichte. Die all diesen Quellen zugrunde liegende vielschichtige und reiche Symbolik - als Verbindungsglied zwischen Normativität und Performativität gesehen - als auch konventionell verbreitete, formelhafte stereotype Aussagen über Asketen/Mönche und ihre Lebensweise(n), sollten sowohl in emischer (Blick vom Innen der jeweiligen Tradition her) als auch in etischer (von außerhalb der Tradition her kommende Beobachtungen) Perspektive - hermeneutisch gründlich reflektiert - genau untersucht werden, und zwar unter methodischer Anwendung der philologischen, d. h. historisch-kritischen Texterschließung, Ritualtheorien, Theorien der Performativität, Rhetorik, Semiotik, Symbolforschung usw. Allgemeine Kategorien sollen herausgearbeitet werden, die als solide methodische Grundlage dem interreligiösen Vergleich monastischer Kulturen dienen können, und die im normativen Schrifttum jeweiliger Überlieferungen als quasi strukturell "kodierte" Bausteine zum inhaltlich vielfältigen Ausdruck kommen. Prolegomena zu einer solchen Reflexion über das vermutlich universelle Phänomen des Mönchtums, zugespitzt auf den Vergleich des Hindu-Asketentums mit dem abendländischen Mönchtum, sollten den zweiten, komparativen Teil der Arbeit konstituieren.

Direktor:
Prof. Dr. Dr. h.c. Gert Melville

Wiss. Geschäftsführerin / Koordinatorin: Priv.-Doz. Dr. Cristina Andenna

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